Vor ist eine Rezension von Matthias Schramm bei Signaturen Magazin erschienen,
zu meinem Gedichtband „Im Dickicht lebt es sich leichter“.
Vielen Dank für die ausführliche und aufmerksame Würdigung! Ich freue mich sehr.
Hier ein kleiner Ausschnitt:
„Florian Birnmeyer, Jahrgang der frühen Neunziger, ist in Nördlingen geboren und in Wemding aufgewachsen, beides Orte im Nördlinger Ries, also in einem knapp fünfundzwanzig Kilometer weiten Einschlagskrater, den ein Meteorit vor rund fünfzehn Millionen Jahren in die Schwäbische Alb geschlagen hat. Man kann das für eine belanglose Geburtsurkundenangabe halten. Ich aber halte es für den Schlüssel zu einem der schönsten Gedichte dieses Bandes und komme darauf zurück. Zur Schule ging er in Oettingen, studiert hat er Romanistik, Latinistik, Philosophie und Erziehungswissenschaften in Erlangen und in Paris, seit September 2025 unterrichtet er Französisch und Latein an einem Nürnberger Gymnasium und schreibt nebenher an einer Dissertation in romanistischer Sprachwissenschaft, und zwar über Joachim Du Bellay und Sperone Speroni. Auch darauf komme ich zurück, denn diese beiden Herren aus dem 16. Jahrhundert stehen, wie mir scheint, unsichtbar hinter der Typografie dieses Buches. Er ist Mitglied im Pegnesischen Blumenorden, jener 1644 von Georg Philipp Harsdörffer und Johann Klaj in Nürnberg gegründeten Sprachgesellschaft, die es tatsächlich immer noch gibt, außerdem in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik und im VS. 2023 erschien sein Debütband „Storchenstolz“. „Im Dickicht lebt es sich leichter“ ist der zweite Band, und er ist, wie ich finde, ein erheblich anderes Buch, als sein Klappentext behauptet.
Denn es gibt in diesem Band eine Stelle, an der scheinbar gar nichts passiert, und die m. E. trotzdem alles enthält. In „Zwei plus eins“, einem der kürzeren Texte des ersten Teils, wartet ein Schäferhund ohne Herrchen auf seinen Einsatz, „während / die Zeit verstreicht / und dieJahre vorüber-“, und dann bricht die Strophe ab. Eine weiße Zeile. Und erst danach steht, für sich und ohne Anschluss, das Wörtchen „ziehen“.
Zufall des Umbruchs? Ich würde sagen: nein. Wer schon einmal an einem geschlossenen Bahnübergang gestanden und einem Güterzug zugesehen hat, kennt das Phänomen: Man liest den Firmennamen auf der Waggonwand, aber immer nur ein Stück davon, weil zwischen den Waggons die Lücke kommt, durch die man für den Bruchteil einer Sekunde die andere Straßenseite sieht, das nächste Fragment schiebt sich nach, und der Name ergibt sich erst im Kopf, nachdem der Zug längst weg ist. Genau das macht Birnmeyers Verb hier. Der Bindestrich hält es in der Schwebe, die Leerzeile ist die Lücke zwischen den Waggons, und ein Partikelverb, dessen Semantik ohnehin im Vor-über-gehen liegt, zieht buchstäblich über einen Absatz hinweg, ehe es sich beim Leser wieder zusammenfindet.“
